Hypertrophe Osteodystrophie (HOD)

Endlich ein Etappenziel! Der neunte (!) Tierarzt stellte die richtige Diagnose und zwar in Nullkommanix! Die Krankheit ist in Deutschland sowohl unter Tierärzten als auch unter Züchtern nicht standardmäßig bekannt. HOD – oder wie ich sie mit Galgenhumor nenne: unsere „Jokerkarte Nummer zwei“. Die erste war ja schon der Herzfehler.

HOD – was ist das denn?

Oder wie eine Nachbarin, eine junge Tierärztin, formulierte: „Was zum Teufel ist das?“

HOD ist, vereinfacht gesagt (die medizinisch Geschulten mögen es mir verzeihen), eine Entzündung der Wachstumsfugen in den „langen“ Knochen, z.B. den Vorderläufen. Sie kommt auch bei anderen größeren Hunderassen vor (z.B. der Deutschen Dogge aber auch dem Irish Setter oder Boxer), ist jedoch beim Weimaraner speziell im Verlauf und vor allem in der Behandlung.

Wie erkenn man die HOD?

Es gibt typische Symptome, die jedoch nicht immer alle und nicht gleich schwer auftreten:

  • Schmerzen
  • (hohes) Fieber
  • geschwollene Gelenke
  • Laufen, Gehen und Stehen erschwert bis unmöglich, „steifes“ Gangbild (YouTube)
  • Symptome einer Erkältung (vor allem Ausfluss aus den Augen und/oder Nase)
  • Symptome eines Magen-Darm-Infekts (vor allem Durchfall)
  • Pusteln oder Knötchen auf der Haut
  • pathologische Atemgeräusche
  • auffälliges Blutbild (z.B. Anämie, Linksverschiebung)

Der Nachweis findet mittels Röntgenuntersuchung statt, bei der sich über den Wachstumsfugen eine dunkle Linie zeigt, die dort nicht sein dürfte (siehe Röntgenbild).

Die meisten Welpen sind beim ersten Auftreten eines Krankheitsschubs zwischen 8 und 16 Wochen alt. 50% haben nur einen Schub. Sind Wurfgeschwister ebenfalls betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Schubs jedoch erhöht.

Nun jedoch die gute Nachricht: Die HOD ist zumeist „selbst-heilend“, da sie „nur“ eine „Wachstumskrankheit“ ist. Beim Weimaraner bestehen also gute Chancen mit ca. 1,5 – 2 Jahren aus der Krankheit quasi „herausgewachsen“ zu sein. Zur Kontrolle kann in diesem Zeitraum erneut ein Röntgenbild erstellt werden, um sicher zu sein, dass man „aus der Gefahrenzone raus ist“.

Was sind Gründe bzw. Auslöser für HOD?

Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand geht man von einem multifaktoriellen Geschehen aus. Dies bedeutet, dass für den Ausbruch der Krankheit mehrere Gründe zusammen kommen. Dazu gehören gerade beim Weimaraner eine erbliche Komponente (s.o.) sowie Impfungen. Diskutiert werden zudem vor allem eine zu energie- oder eiweißreiche Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel.

Was kann man tun?

Schnelle Diagnose:

Wichtig ist, dass beim Weimaraner die HOD einen starken Bezug zum Immunsystem hat. Daher sind so oft auch neben der eigentlichen Entzündung der Wachstumsfugen weitere Organe betroffen und es treten o.g. Symptome auf, die sonst mit anderen Krankheiten in Verbindung stehen (z.B. Erkältung, Lungenentzündung).

Weimaranergerechte Behandlung:

Im Akutfall sprechen nur ca. 50% der Weimaraner auf die üblichen, nicht-steroidalen schmerz- bzw. entzündungshemmenden Arzneimittel (NSAID) wie z.B. Metacam (Meloxicam) an. Der sicherere Weg, insbesondere auch bei schweren Verläufen, ist daher die Behandlung mit steroidalen, also kortisonhaltigen, Medikamenten wie z.B. Prednison (Prednisolon, Dexamethason). Dies ist wichtig zu wissen, da aufgrund der hohen Beteiligung des Immunsystems die steroidale Dosis so hoch sein muss, dass sie immunsuppressiv wirkt.
Ergänzend kommen, je nach Erscheinungsbild der HOD, stärkere Fieber-/Schmerzmittel wie Novalgin oder auch Antibiotika zum Einsatz. Nicht vergessen sollte man bei längerem Schmerzmitteleinsatz den Schutz des Magens über z.B. Omep (Omeprazol).

Angepasste Ernährung:

Präventiv wird derzeit empfohlen auf eine energie- bzw. eiweißarme Ernährung zu achten. Dies kann z.B. durch ein Welpenfutter für „große Rassen“ geschehen (z.B. VetConcept Young Pack). Kurzzeitig kann im Akutzustand auch ein noch reduzierteres Diätfutter (z.B. VetConcept Lamb Pack) gefüttert werden. Aufgrund der Zusammensetzung ist es jedoch im Wachstum nicht als Langzeitfutter anzuraten.

Angepasstes Impfprotokoll / Impfschema:

Da in den USA seit Jahren Studien zur HOD laufen, gibt es dort bereits ein besonderes Impfprotokoll. Dieses ist auf den Seiten des Weimaraner Club of America (WCA) abrufbar. Prinzipiell sieht es vor, Weimaranerwelpen im Alter von 8 und 12 Wochen nur gegen Staupe, Parvovirose und Hepatitis zu impfen. Dies sind die dringend, für alle empfohlenen Impfungen (core vaccines). Alle anderen Impfungen (non-core vaccines) erfolgen nur, wenn die Krankheiten in der eigenen Region wirklich auftauchen. Der Tollwutimpfstoff sollte nur nach gesetzlichen Bestimmungen und dann auch immer einzeln und frühestens ab der 16. Lebenswoche verabreicht werden. Eine erhöhte Sicherheit erhält man mit Einzelimpfungen (insofern hierfür Impfstoffe vorliegen). Dabei wird im Abstand von jeweils 4 Wochen immer nur gegen genau eine Krankheit geimpft.
Darüber hinaus gibt es die Empfehlung bei Welpen, die eine heftige unerwünschte Impfreaktion gezeigt haben, mit weiteren Impfungen bis nach dem 12. Lebensmonat (!) zu warten.

Angepasste Bewegung:

In der akuten Phase ist Schonung angesagt … macht der Hund aber schon von sich aus.
Außerhalb der Schübe darf er alles, aber immer moderat (also kein Leistungssport) und gut beobachten: wird er im Spiel müde, aufhören und eine Pause gönnen. War der Tag mal lang oder intensiv, lieber einen gemütlichen Tag auf der Couch einlegen bevor es wieder heißt: wir gehen die Welt entdecken.

Und wie war es bei Elliot?

13. Lebenswoche

Beim ersten Schub wurde ja zunächst eine „normale, wenn auch heftige“ Impfreaktion vermutet. Daher bekam Elliot quasi „aus Versehen“ die richtige Behandlung: (einmalige) Injektion von Kortison und Antibiotikum. Nach der Diagnose wurde das Antibiotikum (Synulox) noch bis zum Fädenziehen nach seiner Herz-OP fortgeführt. Sollte tatsächlich doch eine Lungenentzündung vorgelegen haben, hätten wir sie damit auch erwischt. Aufgrund des Herzfehlers wurde auf weiteres Kortison zugunsten von Metacam (NSAID) verzichtet. Letzteres bekam er ingesamt 6 Wochen inkl. OMEP (Omeprazol) als Magenschutz. Beides wurde innerhalb von 14 Tagen ausgeschlichen (erst die Hälfte der Dosis täglich, dann nur noch alle zwei Tage). Die Temperatur täglich kontrolliert um ggf. sofort gegensteuern zu können.

5. Lebensmonat

Momentan ist Elliot ohne jegliche Medikamente. Augenscheinlich geht es ihm gut. Allerdings war das letzte Blutbild immer noch nicht in Ordnung (u.a. Anämie) und auch die Impftiter sind viel zu niedrig (trotz zweimaliger Impfung). Dies wird jedoch auch in Fachkreisen als durchaus typisch für HOD Patienten berichtet. Der Nutzen einer nochmaligen Impfung wird derzeit gegenüber der Gefahr eines erneuten HOD-Schubs abgewogen. Derzeit besteht die Tendenz, bis nach dem 12. Lebensmonat zu warten.

Zudem hat Elliot seit Absetzen des Antibiotikums zwei „Knübbelchen“ (hart, abgegrenzt, verschiebbar) rechts und links an der Schnauze. Diese gehören hoffentlich als sog. „zygomatic gland“ bzw. „buccal (facial) node“ einfach nur zum ganz normal arbeitenden Lymphsystem.

7. Lebensmonat

Elliot hatte im Abstand von knapp drei Wochen zwei Schübe. Der erste konnte durch umgehende subkutane (unter die Haut) Injektionen von Kortison (Dexamethason) und Schmerzmittel (Meloxidyl) innerhalb von wenigen Stunden gestoppt werden. Der zweite ereilte ihn leider samstags morgens im Urlaub. Dort spritzte der tieräztliche Notdienst Kortison (Prednisolon) . Das Schmerzmittel (Metacam) sollte ich erst am nächsten Tag ins Futter geben (s.u. Wechselwirkungsgefahr). Das reichte jedoch nicht. Elliot ging es zwar etwas besser, aber das Fieber stieg und die Bewegungen wurden nach kurzer Zeit wieder staksiger. Sobald wir am nächsten Tag Zuhause waren erreichte ich unsere Tierärtzin und nach der Gabe von Kortison (Dexamethason), Antibiotikum (Amoxicillin & Clavulansäure) und Schmerzmittel (Meloxidyl) konnte man quasi minütlich zusehen, wie es ihm besser ging. Am Morgen des nächsten Tages war der Schub vorüber.

Für Elliot heißt das, es muss nicht irgendein Kortison sein, sondern ein schnell wirkendes wie Dexamethason und dies unter die Haut injiziert. Bei stärkeren Schmerzen ist zusätzlich Meloxicam (z.B. Meloxidyl) zu spritzen. Sowie bei hohem Fieber ebenfalls an ein Antibiotikum (z.B. Synulox) zu denken. Initial alles subkutan injiziert. Die Gefahr der Wechselwirkung von NSAID (z.B. Meloxicam) und Kortison wird über kontinuierliche Gabe und ggf. höhere Dosis von Omeprazol (z.B. OMEP) erheblich reduziert.

Habt ihr auch Erfahrung mit Hypertropher Osteodystrophie beim Weimaraner?
Dann würde ich mich über eine Mail und/oder einen Kommentar sehr freuen.

Zum Nachlesen und Vertiefen:

Wissenschaftlich führende Studie:

Safra, Noa et al. (2013). Clinical manifestations, response to treatment, and clinical outcome for Weimaraners with hypertrophic osteodystrophy: 53 cases (2009-2011). Online: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23600784.

Eine Fallstudie (Englisch):

Sheer, Sean (2018). Bodhis Story. Online: https://www.urbandognyc.com/bodhi/bodhi-and-hod/.

Informationen des Weimaraner Club of America:

Online: https://www.weimaranerclubofamerica.org/hod.php.

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